Biophysik des Pferdes...
Auszug aus dem Lehrfach: Biophysik der ARGE Tiermassage Österreich
Die Statik wie auch die Bewegung des Pferdes folgt physikalischen Gesetzen
Biophysik – Kräfte verstehen, Bewegung erkennen
Die anatomisch und physiologisch korrekte Statik und Bewegung des Pferdes lässt sich nur verstehen, wenn auch die dabei wirkenden physikalischen Gesetzmäßigkeiten berücksichtigt werden. Kräfte, Hebel, Achsen und Bewegungsrichtungen stehen in ständiger Wechselwirkung und bestimmen, wie Belastungen innerhalb des Bewegungsapparates verteilt und übertragen werden.
Veränderungen im Bewegungsablauf können zu Verschiebungen dieser Belastungsverteilung führen. Dadurch entstehen veränderte Kraftvektoren, die einzelne Strukturen stärker beanspruchen können. Die Biophysik vermittelt das notwendige Grundlagenwissen, um solche Zusammenhänge fachlich zu erfassen und Bewegung differenziert zu betrachten.
Nach A. Pinter, 2012.
Dort, wo Kräfte sinnvoll wirken
Das Pferd als biologisches Bewegungssystem
Biophysik verbindet biologische Strukturen mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten.
Beim Pferd ermöglicht sie, das Zusammenspiel von Körperbau, Statik, Bewegung, Kraftübertragung und Belastung nachvollziehbar zu betrachten. Der Organismus wird dabei nicht auf einzelne Strukturen reduziert, sondern als funktionelle Einheit verstanden.
Knochen bilden tragende und kraftübertragende Elemente. Gelenke bestimmen mögliche Bewegungsrichtungen, während Muskeln Kräfte erzeugen und über Sehnen auf das Skelett übertragen. Bänder, Faszien und weitere Gewebestrukturen führen, begrenzen und unterstützen die Bewegung.
Erst das koordinierte Zusammenwirken aller dieser Komponenten ermöglicht einen kontrollierten Bewegungsablauf.
Statik, Gleichgewicht und Belastungsachsen
Bereits im ruhigen Stand wirken unterschiedliche Kräfte auf den Körper des Pferdes. Körpergewicht, Schwerkraft, Bodenreaktionskräfte und die Stellung der Gliedmaßen bestimmen, wie sich Belastung auf die einzelnen Körperregionen verteilt.
Eine physiologisch sinnvolle Statik beruht auf einem möglichst ausgewogenen Verhältnis dieser Kräfte. Dabei spielen Körperbau, Hufstellung, Gelenkachsen, Rumpfstabilität und die Position des Körperschwerpunktes eine wesentliche Rolle.
Schon kleine Veränderungen der Stellung können beeinflussen, wie Kräfte aufgenommen, weitergeleitet und ausgeglichen werden.
Bewegung entsteht durch gerichtete Kräfte
Sobald sich das Pferd bewegt, verändern sich Stärke und Richtung der einwirkenden Kräfte fortlaufend. Jeder Schritt beginnt mit einer gezielten Muskelaktivität, führt zur Bewegung einzelner Gelenke und erzeugt beim Auffußen eine Reaktionskraft des Bodens.
Kräfte besitzen nicht nur eine bestimmte Größe, sondern auch eine Richtung – sie werden deshalb als Vektoren dargestellt. Für die Beurteilung eines Bewegungsablaufes ist entscheidend, in welchem Winkel eine Kraft einwirkt, über welche Achsen sie weitergeleitet wird und welche Strukturen daran beteiligt sind.
Schritt, Trab und Galopp stellen jeweils unterschiedliche Anforderungen an Gleichgewicht, Stabilität, Koordination und Kraftübertragung.
Auch Wendungen, Übergänge, unterschiedliche Untergründe, Tempo und das zusätzliche Gewicht eines Reiters verändern die auftretenden Belastungen.
Veränderungen erkennen und fachlich einordnen
Weicht ein Pferd von seinem gewohnten Bewegungsmuster ab, kann sich auch die Verteilung der Kräfte verändern. Einzelne Strukturen können stärker beansprucht werden, während andere Bereiche weniger aktiv in den Bewegungsablauf einbezogen sind.
Daraus können ausgleichende Bewegungsstrategien entstehen, die äußerlich beispielsweise als veränderte Schrittlänge, unsymmetrische Bewegung oder abweichende Gliedmaßenführung wahrnehmbar werden.
Die Aufgabe innerhalb der Tierbewegungslehre besteht darin, solche sichtbaren Veränderungen aufmerksam zu beobachten und sachlich zu dokumentieren.
Eine medizinische Beurteilung ihrer Ursache gehört hingegen ausschließlich in den tierärztlichen Zuständigkeitsbereich. Bei Schmerzen, Verletzungen, deutlichen Bewegungsauffälligkeiten oder unklaren Veränderungen ist daher eine tierärztliche Abklärung erforderlich.
Physikalische Prinzipien bei manuellen Anwendungen
Auch manuelle Anwendungen beruhen auf physikalischen Grundlagen.
Druck, Zug, Reibung, Bewegung, Temperatur und Zeit bestimmen gemeinsam, wie ein gesetzter Reiz auf die berührten Strukturen einwirkt.
Für eine fachgerechte Anwendung sind deshalb nicht nur die gewählte Technik, sondern ebenso Richtung, Intensität, Geschwindigkeit und Dauer entscheidend. Hinzu kommen die körperlichen Voraussetzungen, die Tagesverfassung und die unmittelbar wahrnehmbaren Reaktionen des Pferdes.
Biophysikalisches Verständnis hilft dabei, manuelle Anwendungen kontrolliert, nachvollziehbar und innerhalb klarer Kompetenzgrenzen durchzuführen.
Wissen schafft Verantwortung
Die Biophysik bildet eine wichtige Verbindung zwischen Anatomie, Physiologie, Bewegungslehre, Tiermassage und Training.
Sie vermittelt, warum Bewegungen auf eine bestimmte Weise entstehen, wie Belastungen übertragen werden und weshalb jede Anwendung an das individuelle Pferd angepasst werden muss.
Wer die wirkenden Kräfte versteht, kann Bewegung differenzierter beobachten, Training sinnvoller gestalten und Anwendungen bewusster einsetzen.
Nach A. Pinter, 2012.
Biophysik – Bewegung in ihrer Tiefe verstehen
Die Biophysik eröffnet einen besonderen Zugang zum Verständnis des Pferdes als komplexes Bewegungssystem. Sie verbindet anatomische Strukturen und physiologische Funktionen mit den physikalischen Gesetzmäßigkeiten von Kraft, Bewegung und Energie.
Die Teilnehmenden lernen, wie Schwerkraft, Bodenreaktion, Hebelwirkungen und Belastungsachsen auf den Pferdekörper einwirken. Dadurch wird verständlich, wie Knochen, Gelenke, Muskeln, Sehnen und Faszien bei Haltung und Bewegung zusammenarbeiten.
Auch Gleichgewicht, Körperschwerpunkt, Beschleunigung und Bewegungsrichtung werden in die funktionelle Betrachtung einbezogen. So lassen sich Schritt, Trab, Galopp, Wendungen und Sprünge nicht nur äußerlich beobachten, sondern in ihren biomechanischen Zusammenhängen erfassen.
Darüber hinaus vermittelt die Biophysik die Wirkprinzipien von Druck, Zug, Reibung, Wärme, Schall, elektrischer Energie und Licht. Dieses Wissen bildet die Grundlage für einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit manuellen sowie unterstützenden physikalischen Anwendungen.
Biophysik ersetzt keine tierärztliche Beurteilung, vertieft jedoch das Verständnis für Bewegung, Belastung und die Reaktionen des Pferdes. Sie macht damit sichtbar, dass qualifizierte Tiermassage und Tierbewegungslehre weit über das Erlernen einzelner Handgriffe hinausgehen..

Bewegungsradien und Freiheitsgrade der Gelenke des Pferdes
Jedes Gelenk besitzt aufgrund seiner anatomischen Form bestimmte Bewegungsachsen, Freiheitsgrade und funktionelle Bewegungsradien. Diese bestimmen, in welche Richtungen und in welchem Umfang Bewegungen grundsätzlich möglich sind. Die folgende Tabelle bietet einen übersichtlichen Einblick in die Bewegungsmöglichkeiten der wichtigsten Gelenke und verdeutlicht deren Bedeutung für Statik, Koordination und Bewegungsablauf des Pferdes. Auszug aus dem Skript.
Gelenke des Rumpfes
Gelenke des Rumpfes
a) Art. temporomand.
Kieferbewegung mit Rotation im UK (Disci!)
b) Art. atlantooccip.
"Ja-Sager", Side bending, geringe Rotation
c) Art. atlantoaxial.
"Nein-Sager", gute Rotation, geringe Side bending
d) Art. intervertebral.
Art. proc. articul.
Wirbelgelenke, Extension, Flexion, Rotation, Side bending
Probleme: Spondylose u. -arthrose, Kissing spines, usw.
Gelenke der vorderen Extremität
Gelenke der Vorder-Extremität
a) Art. humeri
Flexion, Extension, Adduktion, Abduktion, kaum Rotation (obwohl als
Kugelgelenk angelegt)
45° - 90° - 180°
b) Art. cubiti
Flexion, Extension
35° - 60° - 180°
c) Art. carp.
Flexion, Extension
190° - 180° - 35°
d) Art. metacarpocarpea
Flexion, Extension
190° - 180° - 35°
e) Art. metacarpophalangea
Flexion, Extension (Fixation durch Gelenkskamm)
270° - 210° - 40°
f) Art. phalangea. prox. - dist. (Os naviculare!)
Flexion, Extension
mehr Bewegung in dist.!
180° - 90° (gegengleiche Winkelwirkung mit Art. metacarpophalangea!)
Glenke der hinteren Extremität
Gelenke der Hinter-Extremität
a) Art. iliosacr.
echtes Gelenk!
Rotation
3 - 10°
b) Art. coxae
Extension, Flexion, Rotation (wenig - Lig. capitis femoris!),
Adduktion, Abduktion
40° - 90° - 160° (Pferdetyp abhängig - Gewichtsträger/Lauftyp)
c) Art. genu
Flexion, Extension, geringste Rotation, hgr. inkongruentes Gelenk
170° - 100° - 50°
d) Art. tarsea
Flexion, Extension
100° - 160° - 180°
e) Art. tarsometatarsea
straffe Gelenke, geringste Rotation, Extension, Flexion 180°
f) Art. metatarsophalangea
Flexion, Extension (Fixation durch Gelenkskamm)
270° - 210° - 40°
g) Art. phalangea. prox. - dist. (Os naviculare!)
Flexion, Extension
mehr Bewegung in dist.!
180° - 90° (gegengleiche Winkelwirkung mit Art. metatarsophalangea!)


